[Hotel] Waldhotel Fletschhorn Saas Fee

Waldhotel Fletschhorn

1996 beauftragte mich der Verlag Gräfe und Unzer, die Restaurants, Hotels und Sehenswürdigkeiten der Schweiz für den neuen Reiseführer Merian Scout aufzunehmen. In diesen Zeiten vor Google Maps musste man mit dem Auto direkt vor das Objekt fahren, um über Satellit die genauen Koordinaten aufnehmen zu können. Ich bereiste unzählige Restaurants, musste Pässe hoch und runter, manchmal um ein einziges Restaurant zu kartieren und zu beschreiben.

Eines ist mir seit damals in Erinnerung: das Waldhotel Fletschhorn mit der grossen Irma Dütsch. Ich war mir sicher, dass ich eines Tages dort bei ihr dinieren werde, mit dem Auto konnte man schon damals nicht hinfahren. Nun, es hatte leider nicht geklappt, Irma Dütsch gab das Hotel 2003 an die Nachfolger ab. Über die Jahre hat sich vor meinem inneren Auge ein ganz klares Bild gezeichnet vom Waldhotel, die Lage, Ausrichtung, Gastraum, Zimmer, Küche. Warum gerade dieses Hotel? Vielleicht wegen der Abgelegenheit oder der Küche von einer der wenigen grossen Köchinnen.

Ende August 2016, zwanzig Jahre später, ging dann doch der Traum in Erfüllung! Ein Wochenende im Fletschhorn, gemeinsam mit anderen Bloggern, inklusive Kochkurs, Pilzwanderung und Besuch im Weinkeller.

Anreise

Der IC braucht von Zürich nach Visp exakt 2 Stunden. Direkt bis Saas Fee keine 3 Stunden. Ohne Frage, man sollte kein Auto nehmen! Höchstens, man möchte unterwegs im Vierwaldstättersee baden, …

… über den Furka fahren, beim Rhonegletscher Pause machen und sich langsam bei traumhaften Wetter durch Berge und Täler kutschieren. Dann nehmt besser das Auto, aber nur dann, denn am Wochenende sind sonst locker 5 Stunden vorbei, bis ihr nach dem Parken vor dem Parkhaus auf das Elektroauto wartet.

Nach kurzer Fahrt mit dem Elektroauto durch das mit Bausünden der 70er Jahre etwas verunstaltete Dorf wird die Route auf dem Waldweg recht hoppelig und nach weiteren Minuten erkennt man, warum der Begriff „Waldhotel“ vor dem Fletschhorn steht: das ist wirklich im Wald. Mitten drin. Endlich öffnet sich der Wald und gibt ein herrliches Panorama frei.

Empfang

Was man hier mitten im Wald aber nicht erwartet, ist ein geradezu stürmischer Empfang. Es wird sich vorgestellt, Hände geschüttelt, begeistert erzählt und man fühlt sich nach ein paar Minuten schon so, als ob man seit Jahren Stammgast ist. Gleich, ob Maren die Restaurantleiterin, David der Sommelier oder Markus der Chefkoch, die Stimmung ist umwerfend.

Den Anzug könnt ihr also getrost zuhause lassen, nehmt besser die Wanderschuhe mit. Abendliche Ausgänger können des Nachts die Sternschnuppen betrachten, Bar-Touren sind hier nicht angesagt. Markus hat uns berichtet: „Das grösste Lob war für mich, als eines Abends ein Gast in seinen Badeschuhen ins Restaurant kam. Er fühlte sich so zu Hause, dass er es gar nicht bemerkt hatte!“

Markus Neff (Chefkoch, Eigentümer) - Maren Müller (Restaurantleiterin, Eigentümerin) - David Gruss (Sommelier)

 


 

Die Zimmer

Nichts ist schrecklicher als ein Hotel, bei dem jedes Zimmer gleich designed ist, austauschbar, uniform. Das gibt es im Fletschhorn nicht. Jedes der xx Zimmer offenbart eine andere Gestaltung, wunderbarer Blick auf die Berge der gegenüberliegenden Talseite, allen voran dem namensgebenden Fletschhorn und der Weissmies. Auf dem Nachttisch warten kleine Praliné und Früchte, die Seife selbst hergestellt und als Lektüre und Einstimmung wartet das Buch über das Fletschhorn inklusive der Rezepte von Markus Neff.

Das Bad ist offen in den Raum integriert, der Kleiderschrank begehbar. Vom kleinen Balkon konnten wir das Panorama geniessen, was wir leider viel zu wenig getan haben, denn es hat uns gleich entweder in die Küche oder den Wald gezogen.

Das Restaurant

Es ist das Herz, um das sich hier alles dreht. Trifft man am frühen Abend ein läuft man kurz nach dem Eingang gleich am Käsewagen im Restaurant vorbei und man möchte am Liebsten schon vor dem Einrichten im Zimmer mit dem Käsegang starten. Natürlich weiss man schon vor der Ankunft, dass hier 1 Michelin-Stern, 18 Gault Millau Punkte und die Mitgliedschaft bei den Grandes Tables des Suisse präsent sind. Das Restaurant verkörpert den hohen Anspruch und dennoch passt es sich der Umgebung an. Wunderschöne Gemälde lokaler Künstler an der Wand, frische Blumen von den Wiesen der Umgebung, viel Raum zwischen den Tischen. Es passt alles.

Vom Restaurant kann man auch einen Blick in die Küche wagen, doch das ist ein anderes Thema!

Der Weinkeller

Nach dem Einrichten in den Zimmern kann man sich gemütlich im Restaurant niederlassen. Denken wir. Weit gefehlt. David lädt uns erst ein, mit ihm ein paar Stufen hinabzusteigen in ein kleines Kellerloch, das in seiner Schlichtheit doch eine Schatzkammer darstellt, wie man sie selten findet. Das ist Understatement! Alleine für eine Revision bräuchte ich hier einen Monat nur um die über 50’000 Flaschen zu zählen. David kennt natürlich nicht nur die Anzahl der Flaschen sondern auch gleich noch die Position jeder einzelnen Flaschen. Und natürlich auch den Geschmack. Für heute Abend bekommen wir eine Einführung in die Welt des Arvine, eines typischen Weissweins aus dem Wallis.

David lässt uns mit seinen unglaublich unterhaltsamen Geschichten sogar die Kühle des Kellers vergessen und macht anschaulich begreiflich, warum Weinkenner so unzählige Attribute für die Beschreibung ihrer Weine finden.

Wo war noch der Arvine, 2014?
Sooo ein Volumen!
Und erst die Nase, herrlich blumig!
Das ist ein Wein!

Die Küche

Jetzt geht es ans Eingemachte. 1 Michelin Stern, 18 GM … ach, das hatten wir schon. Aber wer ist Markus Neff, der hinter dieser Reputation steht? Markus hat den Vorarlberg vor Urzeiten verlassen und stand Dekaden der Frau Dütsch zur Seite, bis er 2003 das Zepter übernahm und 2007 zudem vom GM zum Koch des Jahres honoriert wurde. Mit dem Titel ist er aber weder von der Art noch vom Umgang mit seiner Crew abgehoben. Vier Köche stehen in der geräumigen Küche und man wundert sich erst bei Tisch, wie die das eigentlich schaffen.

Abgesehen davon, dass wir Herrn Neff noch den halben Nachmittag beim Kochkurs auf den Füssen standen, die fotografierenden Blogger ihre Kameras bald in jeden Topf geworfen haben und so nebenbei der ein oder andere Terrassengast ein Rösti oder gedünsteten Fisch wollte, war eine konzentriert-ausgelassene Stimmung in der Küche. Und ja, konzentriert-ausgelassen widerspricht sich, aber es war so! Ach ja, Ravioli werden natürlich frisch produziert, man hat ja Stil!

Foodblogger at work.
Wie erkennt man einen guten Hummer?
Poulet im Salzmantel.

Das alles hält den rote-Brille-tragenden Chef natürlich nicht davon ab, nach der Schicht einen netten Schwatz mit den Gästen zu halten oder in der Küche für ein Foto noch den nötigen Ernst fehlen zu lassen.

Weder Belichtungszeit noch Autofokus haben es jedoch geschafft, diese Köche auch nur annähernd scharf abzubilden. Freude pur!

Kochkurs

Kochkurs bei Markus Neff heisst nicht, dass jeder ein Messer, Topf und Schneidebrett bekommt und dann wahllos anfängt, falsch zu schnippeln, falsch zu rühren und am Ende ein Chaos zu erzeugen. Es ist eher ein Koch-Zuschau-Kurs und das macht auch absolut Sinn. Wir waren bald 15 Leute in der Küche, die Ergebnisse wären schon vorab zum Scheitern verurteilt. Deshalb, Kameras und Notizbücher zücken und den vielen Tipps lauschen. Wir waren am Vor- und Nachmittag in der Küche und konnten die Erstellung unseres am Abend servierten Menus verfolgen. Wir haben natürlich brav mitgeschrieben, die Rezepte findet ihr hier (noch nicht alle verlinkt):

Die Kochkurse könnt auch ihr buchen, macht richtig Spass!

Pilzwanderung

Man kann nicht den ganzen Tag essen. Also man kann, aber man sollte nicht. Deshalb raus in die Natur! Wir haben uns am ersten Morgen gleich nach dem Frühstück bei schönstem Wetter den Berg vorgenommen, ständig auf der erfolglosen Suche nach Pilzen und Heidelbeeren. Leider war es die vergangenen Wochen so trocken, dass man bald schon vom Laufen eine Staublunge bekam. Es half auch nichts, am nächsten Tag mit dem Pilzexperten Geni Christen durch den Wald zu laufen, es war immer noch trocken und fast unmöglich, einen Pilz zu finden. Geni lässt sich dennoch nicht aus der Ruhe bringen, zeigt uns das ein oder andere vertrocknete Exemplar oder erzählt, dass es südlich der Linie (siehe Foto) keine Schlangen gibt, nördlich schon. Warum? Weiss keiner, ausser die Legende.

Heidelbeeren sind Anzeichen für den sauren Boden, das mögen die Nadelbäume und Steinpilze. Die Bartflechte ist ein Anzeiger für gute Luft (kein Wunder hier oben), die gelbe Moosflechte ist giftig und wurde früher den Wölfen in den Fleischköder gemischt. Die Preiselbeere wird etwas später reif als die Heidelbeere und muss kräftig rot sein, wenn sie reif ist. Die Arven haben 5 Nadeln am Stiel, die Föhren nur zwei. Wichtig für den Foodie: die Nüsse in den Arvenzapfen sind essbar, nachdem man wie bei den Haselnüssen die Schale geknackt hat.

Gebirgsheringstäubling - essbar
Röhrling. Welcher nochmal?
Amiant-Körnchenschirmling - ungeniessbar
Ockerbrauner Trichterling - essbar
Parasolpilz - essbar als Schnitzel!
Bartflechte - hier kann man gut atmen.
Geni zeigt den Schlangen-Äquator.
Gemeiner Bloggerling - selten ungeniessbar.

 

Schluss

Was ist eigentlich Erholung? Ankommen, Abfahren, und dazwischen ist jede Minute schlichtes Abschalten. Im Fletschhorn ist man in der Natur, und doch nicht im Nirgendwo. Man hat seine Ruhe, und doch sind Freunde um Dich. Man strengt sich an, und lässt sich abends fallen. Sterneniveau, aber ohne Smoking.

Maren sorgt für das Zuhausesein und die reibungslosen Abläufe. Markus kombiniert beste Zutaten zu geschmackvollen Kombinationen, bei denen die Pinzette nicht das Hauptinstrument zur Gestaltung des Tellers ist. Und David nimmt uns ein mit seiner präsenten Art, die kein Trübsal zulässt. Wir fühlen uns wohl.

Für uns waren diese Tage pure Erholung und wir vermissen jede Minute. Wir waren das erste Mal dort, nach 20 Jahren warten, aber sicher nicht das letzte Mal!

 


 

Informationen

Waldhotel Fletschhorn

Wildistrasse 64
3906 Saas-Fee

Telefon: +41 (0)27 957 21 31

E-Mail: info@fletschhorn.ch

 

Besucht 26.-28.08.2016

FoodFreaks wurde vom Hotel für die Pilzwanderung/Kochkurs, zwei gemeinsame Abendessen sowie die Übernachtungen eingeladen.

Die Einladung hat keinen Einfluss auf die Beschreibung und die Bewertung über das Hotel und Restaurant.

Lage des Hotels

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