[Buch] Sitting Küchenbull

Buchrezension Sitting Küchenbull - Vincent Klink

Buchrezension

Vincent Klink –  Der TV-Koch! Als ob das eine wichtige Auszeichnung sei. Ob es viel über die Qualitäten eines Kochs aussagt, wenn er im Fernsehen eine Show hat? Wenn man berücksichtigt, was heute im Fernsehen so allgemein ausgestrahlt wird, finden wir das eigentlich eher ein abschreckende Bezeichnung… Für uns ist Vincent Klink von daher in erster Linie Koch – und in zweiter Linie ein weltoffener Künstler, Musiker, Literat, Denker. Der mit dem Buch „Sitting Küchenbull“ tief in die Tasten gegriffen hat und auf 220 Seiten eine kurzweilige und spannende Autobiographie eines Kochs vorgelegt hat, mit vielen Anekdoten, Hintergründen und dem ein oder anderen wertvollen Küchentip.

Seine zuweilen derb geschriebene Autobiographie startet in einer Zeit (1949 geboren), die einem heute fremd und fern vorkommt. Zwei Mal im Jahr nur gab es Rahm, die Schweine wurden zuhause gewurstet, Ohrfeigen und patriarchische Fiesheiten am laufenden Band und einen Lebenslauf, der nichts mit freier Meinung zu tun hat, sondern von den Eltern vorgegeben wurde. Aufwachsen bei den Grosseltern, Internat, Kochlehre, Selbstständigkeit im Restaurant, das die Eltern gekauft haben. Jeder Versuch, diesem Weg zu entfliehen (Besuch der Kunstakademie München), wird vereitelt und Vincent Klink fügt sich dem Schicksal, rückblickend immer als die richtige Entscheidung definierend.

Hinter der deftigen Schreibweise steckt aber ein äussert feinsinniger Mensch. Während in Deutschland Ausländer gerade wieder angegriffen und verfolgt werden, hebt er immer wieder die Vorteile einer multikulturellen Gesellschaft hervor. „Wären die [Schlesier] nicht gekommen, wir schwäbischen Inzüchtler wären vollends verblödet (S. 20).“ Begeistert schreibt er über die Einflüsse der Anderen: „Die Österreicher, die haben’s richtig drauf. Die hält man gemeinhin für blöd, aber bei allen diffamierten Volksstämmen, den Ostfriesen, Sachsen, den dummen Hessen und bei den oft gehänselten Schwaben ist es gleich: allesamt topfit. … Egal wie, die Österreicher sind genial, … Die haben sicher dreissig bis vierzig Varianten von Siedfleisch (S. 16).“ Auch hebt er den Berliner Koch Werner Fischer hervor, der schon in den 60er Jahren dafür warb, das die eigene Sichtweise nicht immer die einzig Richtige ist. Bei seinem Kapitel über die Torgglstube in München (S. 164 ff.) schluckt man bisweilen über die damalige Einstellung seiner Mitmenschen über Afrikaner, die nur mit Bimbo oder sonstigen Begriffen bezeichnet wurden. Da scheint sich zumindest in der vordergründigen Wahrnehmung bis heute etwas geändert zu haben.

Das Buch durchschreitet kurzweilig die Lebensstationen von Vincent Klink, besonders seine Entwicklung zum Koch, aber auch seine Arbeitsstationen. Die Lehre im Waidhof in Inzlingen bei Walter Haas, bei deren Beschreibung man sich wünscht, alles ausser Koch zu werden. Gleich am ersten Tag musste sich der Pimpf gegenüber des Restaurants auf die andere Seite der Bundesstrasse stellen und ein Lied singen, während sich die gesamte Belegschaft köstlich über ihn amüsierte. Zu den Arbeiten gehörte auch das Putzen der Stiefel: „Die müssen glänzen wie ein Affenarsch, du Arsch! (S. 84).“ Ab 1972 dann im Adler in Rastatt bei Rudolf Katzenberger, der einen ähnlichen Umgangston pflegte. Im Humplmayr in München kochte er für die Reichen und Schönen, in der Torgglstube in München nur für’s eigene Geld, um den Meisterkurs in Baden-Baden finanzieren zu können, der ihm wiederum die Türen für das eigene Restaurant Postillion in Schwäbisch Gmünd öffnete. Nachdem die Gäste weniger wurden dann der Umzug in die Wielandshöhe nach Stuttgart, wo er heute noch hinter dem Herd steht.

Grossen Raum wird im Buch auch den Besuchen der Kollegen eingeräumt. Dabei ist er nicht allein, es scheint standesgemäss zu sein bei den Köchen, sich durch die Karten der grossen Kollegen zu futtern. Man lernt durch Erfolge der anderen, aber auch durch deren Fehler. Kann seine Messlatte definieren und sein eigenes Profil schärfen. Klink besuchte ehrfürchtig Paul Bocuse in dessen opulenten Tempel, der auch neben dem Kochen einige Spleens hatte: „Als die Saône ein Jahrhundert-Hochwasser führte, stellte sich der bereits ältere Herr bei Eiseskälte in Badehose auf ein Surfbrett, um salutierend an der Fassade seines Restaurants entlangzufahren (S. 189).“

Wertvoll finden wir einzelne Hinweise auf Kochbücher, aus denen sich Klink Wissen und Inspiration holte:

  • Lexikon der Küche, Richard Hering, 1909 (tausende Rezepte und Fachbegriffe, Standardwerk in Deutschland)
  • Handlexikon der Kochkunst, Karl Duch, (wie Hering, Standardwerk in Österreich)
  • Die hundert besten Rezepte der grossen Köche Europas, Klaus Besser, 1977 (nur noch Antiquariat)
  • Die grosse leichte Küche, Michel Guerard, 1987 (nur noch Antiquariat)

 

Fazit

Ein ganz wunderbares Buch, nach dessen Genuss man zumindest im Kochbereich kaum noch von der guten, alten Zeit sprechen möchte. Ein Abtauchen in gefühlte 100 Jahre Vergangenheit, abgemildert aber durch die köstlich-derb-direkte Schreibweise. Es ist, als ob man die Geschichte persönlich erzählt bekommt. Nur das Kapitel über die Bundeswehr hätte man unserer Ansicht nach gehörig kürzen können, das Ende des Buches dann nicht gerade al-dente, es fehlt ein wenig der Biss. Bei Publikation im 2009 war Klink bereits 18 Jahre in der Wielandshöhe, doch nicht eine Anektdote kommt aus dieser Zeit. Hoffen wir, dass es eine Fortsetzung gibt (denn Bücher sind eh besser und nachhaltiger als Fernsehsendungen)!

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