[Unterwegs] Gold und Wein im Malcantone und Lugano

Blick vom Bahnhof auf die Stadt und den Luganer See.

Es ist Freitag, 16 Uhr und wir stehen im Stau vor dem Gotthard-Tunnel. Man steht immer im Stau am Gotthard-Tunnel und wie jedes Mal fragen wir uns nach einer halben Stunde, ob es wirklich eine gute Idee war, mit dem Auto nur für ein Wochenende ins Tessin zu fahren.

Kaum auf der anderen Seite des Tunnels angekommen, wissen wir schon nichts mehr von den Zweifeln, die uns keine 20 km entfernt noch beschäftigt haben und der Weg hinunter in Richtung des Landes, in dem die Zitronen blühen, beflügelt uns. Wir sind der einhelligen Meinung, dass auch eine Stunde Stau nichts ist im Vergleich zu zweieinhalb Tagen Tessin mit vollem Programm.

Lugano Region, die Tourismusorganisation von Lugano hat uns für das Wochenende auf die Malcantone & Wine Tour sowie die Übernachtungen im Hotel Federale in Lugano eingeladen. Das erste Mal sind auf einer solchen Tour auch unsere Kinder (12 und 7 Jahre) dabei und wir überlegen uns unterwegs noch, wie wir ihnen die Wein-Exkursion schmackhaft machen können.

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Standardsituation: Stau am Gotthard.
Hotel Federale - Morgens auf der Terrasse
Das Federale, direkt am Bahnhof.
4 Paar Schuhe auf Tour.

Zugegeben, Samstag morgens um 8 Uhr ein Treffpunkt in Ponte Tresa, 25 min mit dem Zug von Lugano entfernt, löst zunächst einmal keine Begeisterungsstürme bei den Kindern aus. Im Zug sieht die Welt dann aber ganz anders aus und wir sind auf dem Weg durch wunderschöne Natur, an Seen (und einem Mini-Flugplatz) entlang zu der kleinen Grenzstadt mit überhaupt nicht kleinem Verkehrsaufkommen. Den Kaffee bekommen wir im Hotel Tresa Bay, das auf der Strassenseite nicht durch übermässige Attraktivität glänzt, dies auf der Seeseite aber durch wunderschöne Ausblicke und eine entspannte Atmosphäre direkt am See wettmacht.

Uns zieht es schnell weiter: mit einem schmalen, kleinen Bus geht es zu der alten Goldmine ins Malcantone. So wird die Region genannt, die sich nördlich von Ponte Tresa an der Grenze zu Italien bis hoch zum Lago Maggiore erstreckt.

Ponte Tresa am Luganer See.
Bergarbeiter aus Passion.

Unsere Reiseführerin, die uns mit unterhaltsamen Geschichten den Tag über begleitet, erzählt, dass gemäss einer Theorie der Name Malcantone (wörtlich übersetzt: „schlechter Kanton“) seinen Ursprung in den vielen Schmugglern hat, die hier früher tätig waren. Oder herrscht in diesem Teil des Tessin häufig schlechtes Wetter?

Vorbei an Weinbergen und mit Wanderwegen durchzogenen Kastanienwäldern kommen wir in Sessa an. Vor 100 Jahren wurde hier gewerbsmässiger Bergbau betrieben. Nachdem die Mine dann einige Jahrzehnte still lag, wurde sie durch das Engagement einer Gruppe Freiwilliger aus der Region im Frühjahr 2018 als Museums-Mine wieder eröffnet. Ausgerüstet mit Helmen und Neugier erkunden wir die alten Stollen und erfahren, wie in mühseliger Arbeit dem Berg Gold und Erz entnommen wurde. Die einhellige Meinung der Kinder: viel spannender als Schulstunden, obwohl man dabei viel lernt!

Schöne Landschaft, unter uns das Gold.
Mühlselige Arbeit vor über 100 Jahren.
Alles parat für den Stollen.
Auch die Kleinsten brauchen einen Helm.
Die heilige Barbara beschützt die Bergleute, und uns...
14 Meter auf Leitern in die tiefere Sohle.
... führt uns mit grossem Wissen durch den Stollen.
Das kleine Museum.
Der Presslufthammer war schon eine Erleichterung.
Auch das erleichtert das Arbeiten...

Weingut Tenuta Tamborini Vallombrosa

Nach der Kälte und Enge im Bergwerksstollen geniessen alle vier die Sonnenwärme und die Weitläufigkeit unseres nächsten Stopps, dem Weingut Tenuta Tamborini Vallombrosa in Castelrotto. Der Familienbetrieb, der mittlerweile in der 3. Generation Wein anbaut, ist einer der grösseren Produzenten im Tessin. Während wir ausgezeichnete Weine verköstigen, spielen die Kinder zwischen den Reben und naschen von den Tessiner Köstlichkeiten, die zu jeder ordentlichen Tessiner Weindegustation dazu gehören. Wir bekommen einen Bianco und zwei verschiedene Merlots zum Testen.

Der Garten des B&B Vallombrosa
Drei Weine haben wir verköstigt.
Portwein und Grappa
Ohne Tessiner Köstlichkeiten kommt keine Weindegustation im Malcantone aus.
Herzlicher Empfang und kundige Erklärungen zur Degustation.
Nach ein paar Glas Wein weiss man nicht mehr wohin.
Eines von insgesamt 10 Künstlerzimmern im umgebauten ehemaligen Stallgebäude.

Ristorante Giardino

Zum Mittag werden wir in Bombinasco in einem weiteren Familienbetrieb empfangen. Seit den 1960er Jahren bewirtet die Familie Meni ihre Gäste im Ristorante Giardino stilecht unter Reben. Erneut wird uns bewiesen, dass im Malcantone viel Wert auf traditionelle und lokale Qualität gelegt wird, und wir geniessen die Geheimtipps „off the beaten track“, die uns ausgerechnet eine Führung der offiziellen Touristeninformation näher bringt. Alleine hätten wir hier nicht her gefunden, und dann ein wirklich schmackhaftes Mittagessen verpasst.

Nach einem Erkunden der Gassen des Dorfes (das ging eher schnell) packen die Kinder ihr Backgammon aus und verbringen die Mittagspause spielend.

Nach Stationen im Suvretta House in St. Moritz und der Fischerzunft in Schaffhausen (u.a.) ist Daniele Meni heute sein eigener Chef.
Perfektes Ambiente für ein Mittagsmahl im Malcantone.
Handwerk und Kunst.
Spargel auf einer Sosse mit heimischem Bärlauch.
Saltimbocca und Risotto - und schon sind auch die Kinder glücklich.
Reben begleiten uns den ganzen Tag, im Dessert als Traubenglace.
Mit Gesten und Worten ...

Sessa

Nach kurzer Fahrt kommen wir am Nachmittag in das Dorf Sessa, und werden hier von Lindo de Ambrosi durch sein Heimatdorf geführt. Seine Vita ist exemplarisch für Viele im Malcantone. So verliess er dieses nach Beendigung der Schulzeit, und verbrachte sein gesamtes Arbeitsleben als Ingenieur ausserhalb des Tessins. Das Dorf, welches früher für 600 Einwohner insgesamt 14 Kneipen hatte, wirkte lange verwaist und einsam. Langsam füllt es sich wieder mit Leben; Lindo berichtet, dass vermehrt Familien und Kinder hier wieder eine neue Heimat finden.

Mit dem Eintritt ins Rentenalter kam auch Lindo wieder zurück, und weiss nun viele Geschichten über seine Heimat und über historische Zusammenhänge zu erzählen: die willkürliche Grenzziehung von Napoleon, die vielfältigen Karrieren der Dorfbewohner, wie der Bau der stattlichsten Gebäude von St. Petersburg durch Domenico Trezzini unter Zar Peter dem Ersten, oder die Geschichte des Schmuggelns. Wir hängen gebannt an seinen Lippen, und hätten ihm auch noch lange in den Abend hinein zuhören können – hätte uns nicht bereits wieder eine Weindegustation fortgelockt.

lässt Lindo die Geschichte Sessas lebendig werden.
Einblicke durch jahrhundertalte Torbögen.
Wenn Kochutensilien zu Kunstgegenständen werden.
Gebanntes Zuhören.
Eine Presse für Haselnüsse; das Öl zum Essen und als Leuchtmittel in Lampen.
Pause für müde Beine.
Fabienne Klausener erzählt vom Weinbau im Familienbetrieb.

Weingut Klausener

Die Familie Klausener in Purasca ist der nächste und letzte Stopp unserer Tour an diesem Tag. 1982 ist die Familie aus der französischen Schweiz ins Tessin ausgewandert. Zu dieser Zeit waren die Weinberge in ihrer Heimat nicht zu bezahlen und im Tessin gab es alte und günstige Weinberge mit vielversprechendem Klima.

Mit ca. 10’000 Flaschen im Jahr sind sie heute ein mittelgrosser Produzent, und ebenfalls ein reiner Familienbetrieb mit vielen helfenden Händen. Auch die letzte Degustation dieses Tages konnte uns überzeugen. Neben den Weinen hat uns übrigens ein 15 Jahre im Barrique gelagerter Nocino vorzüglich gemundet. Wir lernen, dass viele Familien im Malcantone ihren eigenen Nocino brennen, nach geheimen Familienrezepten; uns kommt spontan eine Idee für die nächste Degustationsreise…

Am Abend sind wir vom Il Fermento zum Essen eingeladen, aber darüber könnt ihr hier extra etwas lesen: Il Fermento – cool und herzlich am Luganer See.

Merlot-Trauben in ihrem Endzustand.
Manche Leute nehmen es nicht so ernst...

Fattoria Moncucchetto

Am Sonntag morgen geht es weiter mit unserem Programm. Wir besuchen die Fattoria Moncucchetto, ein Weingut praktisch mitten in Lugano. Ungläubig schaut man sich um und überlegt, dass man wohl bei einem Verkauf dieses Grundstücks ein paar Generationen nicht mehr arbeiten müsste. Die Familie kümmert sich darum nicht und steht von früh bis spät im Weinberg und hat den Anspruch, den Kunden einen perfekten Wein zu präsentieren.

Unlängst wurde das alte Gehöft um eine moderne Komponente erweitert, der Stil passt sich hervorragend in die Landschaft ein. Im Keller bekommen wir einen Einblick in den Barrique-Ausbau und geniessen den Geruch der Eichenfässer im feuchten Keller. Die Kinder lernen die Hintergründe der Flaschengärung der beiden hauseigenen Schaumweine kennen und wir hoffen sehr, dass sie dieses Wissen eines Tages zu unserem Genuss nutzen werden. Der Wein überzeugt uns und so kaufen wir gleich ein paar Weisse ein.

Vortrefflich! Da mussten wir gleich ein paar Flaschen kaufen.
Davide erklärt uns die Flaschengärung.
Innovativer Weinkeller vom Architekten Mario Botta.
Glückliche Weingutbesitzer und glückliche Degustierende.

Monte Bré

Wir möchten noch etwas von Lugano sehen und der Monte Bré ist da ein unverzichtbarer Programmpunkt. Wir lassen das Auto etwas oberhalb Lugano stehen und nehmen die Funicolare hoch zum 925 m hohen Bré. Erst dort realisieren wir, dass wir noch eine halbe Stunde zu Fuss haben, um das Kunst-Dorf Bré zu erreichen. Dort soll es an allen Ecken Kunst geben, und entgegen dem Willen der Kinder statten wir dem Dorf einen Besuch ab. Nach 20 min Kunst brauchen wir etwas Kunst für den Magen, die Auswahl fällt nicht schwer, es gibt nur ein Restaurant, das Salotto Bré.
Google ist der Meinung, dass es ein ganz gutes Restaurant ist und so entscheiden wir uns für einen Platz in der Sonne auf der Terrasse. Nach 5 min ist es uns zu heiss und wir fragen vorsichtig, ob wir nicht auf dem Lounge-Platz im Garten Platz nehmen können. Nach der Zusicherung, dass wir alles selbst abholen, dürfen wir unter schattigen Bäumen Platz nehmen und geniessen hausgemachte Pasta und ein leckeres Pollo. Einfache, ausgezeichnete Küche, die den Geist der Osteria widerspiegelt. Auch die ganze Einrichtung zeugt von viel Stil, hier waren wir definitiv nicht das letzte Mal. Auch die Kinder haben gemerkt, dass es sich in einem Kunst-Dorf prächtig spielen lässt, und so waren am Ende alle zufrieden und wir haben frisch gestärkt den Weg zurück zur Bergstation der Funicolare in Angriff genommen.
Die Bahn zum Monte Bré ist etwas holprig...
Wunderschönes Dorf Bré
Essen und Spielen im Garten des Salotto Bré.

Fazit

Hat sich der Kurzurlaub ins Tessin gelohnt? Ja, auf jeden Fall! Die von Lugano Region durchgeführte Exkursion war kurzweilig und spannend, die besuchten Weingüter und Restaurants qualitätsbewusst und freundlich, die Natur einfach wunderbar und erfrischend. Das Preis-Leistungsverhältnis dieser Exkursionen ist geradezu unglaublich, denn für 50 Franken bekommt man selten eine geführte Exkursion, Weinproben und ein drei-gängiges Mittagessen!

Somit steht schon fest, dass wir wieder ins Tessin kommen und auch unsere Kinder freuen sich schon auf den nächsten Besuch.

Die nächsten Veranstaltungen

Lugano Region hat ständig Veranstaltungen im Programm, auch viele kleine Exkursionen in Lugano selbst, wie z.B. die Food & Wine Tour. Grössere Tagestouren gibt es folgende in diesem Jahr:

08.07.2018:  The charm of the „peninsula“
14.10.2018:   Chestnut Day
20.10.2018:  Walking along the Olive Trail of Gandria

Karte

In der Karte findet ihr weitere Infos. Ihr könnt die Karte komplett vergrössern oder euch mit dem Symbol auf der linken Seite die Legende einblenden.

Rot: unsere Tour-Stationen

Pink: Hotel (von Lugano Region gesponsort) und Restaurants (Essen wurde von den Restaurants gesponsort, Berichte folgen)

Braun: Sehenswürdigkeiten

Grün: weitere gute Restaurants, nicht getestet

1 Kommentar

  1. jürgen 22. Mai 2018 Antworten

    Das nimmt ja schon fast den Umfang eines Reiseführers ein, bleibt immer spannend und weckt die Neugierde, diese Region selbst einmal zu besuchen. Neu im Programm ist hier die unbeschwerte Teilnahme der Kinder an einem Wochenende, das nicht nur unter dem Zeichen gehobener Gastronomie steht, sondern auch die Bedürfnisse der Jugend berücksichtigt.

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